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Eliahu Inbal im Gespräch mit Karsten Witt


KW: Sie waren Chefdirigent des RSO Frankfurt, des RAI-Orchesters in Torino, des Berliner Konzerthausorchester, und zur Zeit sind Sie Chef in La Fenice und bei Tokyo Metropolitan. Sie arbeiten als Gastdirigent mit dem Concertgebouw Orkest, dem Philharmonia Orchestra und vielen anderen hervorragenden Orchestern zusammen. Sie könnten sich auf diese Tätigkeit beschränken: Sie bestimmen, wieviele Proben Sie brauchen, welches Repertoire Sie machen wollen und dann fahren Sie wieder nach Hause. Stattdessen werden Sie nun auch noch Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie.

Die Tschechische Philharmonie, das ist für mich Neuland. Ich kenne natürlich das Orchester, ich habe es öfter dirigiert. Aber das Land und die Sprache sind neu für mich. Zu Prag fühle ich einerseits eine große Nähe durch frühe Leseerfahrungen, schon als Kind, als ich die Geschichte des jüdischen Volks gelesen habe und literarische Werke, die damit zu tun haben. Ich habe Kafka zunächst in der hervorragenden hebräischen Übersetzung von Max Brod kennengelernt. Dazu kamen natürlich die Musik und einige Interpreten aus diesem Land, die bei uns in Israel tätig waren. Als ich zum ersten Mal nach Prag kam, da kam mir diese Straße mit den alten Steinen vor dem jüdischen Friedhof schon bekannt vor. Vielleicht auch, weil ich mit den alten Fotografien dieser Stadt bekannt bin - ich bin ein leidenschaftlicher Sammler von Fotografien.

Das heißt, Chefdirigent zu sein bedeutet, nicht nur für jeweils eine Woche dort zu arbeiten, sondern mit der Stadt und der Kultur, dem Umfeld des Orchesters Verbindung aufzunehmen.

Die Stadt ist mir sehr wichtig. Und das Orchester selbst. Die Situation als Chefdirigent ist nicht vergleichbar mit der des Gastdirigenten. Da gibt es etwas, das man aufbaut, den Kontakt und den Einfluss von mir auf das Orchester und der des Orchesters auf mich. Also dieses Zusammenschmelzen und einander verstehen und Mittel finden, mit dieser Mentalität und dieser Art zu musizieren das zu realisieren, was mir vorschwebt als musikalische Interpretation, musikalische Erziehung, Stil.

Das ist also ein Verhältnis zu dem Orchester als Kollektiv?

Ja, das ist ein Spannungsverhältnis, auch wenn das Wohlwollen des Orchesters vorhanden ist. Ich fühle mich als Musiker, und ich war selbst auch Orchestermusiker, aber trotzdem kommt der Dirigent in den Augen der Orchestermusiker von oben, er muss etwas bestimmen und entscheiden. Das kreiert Spannung bei allen. Wenn man bedenkt: ein Orchester ist ein Kollektiv von 100 Leuten oder mehr. Darin finden sich viele verschiedene Charaktere und Haltungen, manchmal auch negative Einstellungen. Das ist wie in einem Land. Und der Dirigent ist der Premierminister. Er muss dieses Land in eine Einheit bringen.

Aber ist es dann nicht eigentlich viel leichter, zu einem Orchester mit der Fama des großen Dirigenten zu kommen, der als Gast eingeladen wird? So dass man selbst Distanz hat und fordern kann. Wenn man als Chefdirigent regelmäßig da ist, dann lernt das Orchester einen doch sehr gut kennen.

Absolut, absolut. Levine hat einmal gesagt: Nach ein paar Jahren können Sie dem Orchester nichts Neues mehr erzählen, weil sie schon im Voraus wissen, was Sie sagen werden...

...und als Dirigent wissen Sie schon, welche Fehler das Orchester machen wird.

Das ist wie in einer Ehe. Man muss sich immer bewusst bleiben, warum ich diese Frau geheiratet habe - oder in diesem Fall: dieses Orchester. Was war es, das mich angezogen hat? Welche Qualitäten? Man darf diese nicht als gegeben ansehen. Und genauso muss sich auch umgekehrt das Orchester erinnern: Warum wollten wir diesen Dirigenten? Das ist genauso wie in einem gemeinsamen Leben. Das sage ich jetzt als halbwegs weiser Dirigent mit vielen Jahren Erfahrung - früher war ich strenger und diktatorischer. Aber obwohl ich sozusagen noch in der strengen Phase meines Lebens war, haben wir beim RSO Frankfurt trotzdem 16 Jahre zusammengehalten, und wir arbeiten immer noch gerne zusammen. Es geht also. Die Musiker sehen den Erfolg, das Erreichen der Ziele. Dadurch wächst der Respekt zueinander.

In der ersten Saison setzen Sie einen Schwerpunkt auf tschechische Musik, vor allem Martinu. Da lernen Sie vielleicht auch etwas vom Orchester.

Ja. Natürlich hat das Orchester sehr viel tschechisches Repertoire gespielt. Sie brauchen den Dirigenten aber trotzdem, manchmal sogar mehr. Sie denken nicht „wir kennen das", „der wird schon sehen, wie wir das spielen." Das gilt auch für ein deutsches Orchester mit Richard Strauß. Der Dirigent muss immer gestalten.

Ich habe gerade auch noch den Vertrag mit dem Tokyo Metropolitain verlängert. Dieses Orchester habe ich schon seit über 20 Jahren regelmäßig dirigiert. Es bleibt etwas von einem Besuch zum anderen. Wenn ich am Pult stehe, wissen sie schon Bescheid. Der Klang des Orchesters ändert sich, sobald ich am Pult stehe.

Es gibt Dirigenten, die sagen: In der Konzertsituation läuft vor ihrem inneren Auge ein Film ab, wenn sie dirigieren. Dirigenten müssen ja vorausdenken, zeigen, was kommen wird. Sie haben also eine innere Vorstellung davon, was klingen wird. Bleibt diese Vorstellung von dem Stück gleich, egal mit welchem Orchester man arbeitet?

Ja, die innere Vorstellung ist da. Aber man kann das Orchester nicht einfach wegdenken. Das Orchester bestimmt die Resultate mit, und mehr als das. Ich erinnere mich an eine Japan-Tournee mit dem RSO Frankfurt. Da wechselten die ersten Bläser. Wir waren also mit zwei Mannschaften unterwegs. Und, ob Sie es glauben oder nicht: ob dieser oder jener Oboist und dieser oder jener erste Hornist spielt, beeinflusst, was ich mache. Das sind Dinge, an die man natürlich nicht denken muss; dass kommt sofort, instinktiv.

Das würde bedeuten: je besser Sie ein Orchester kennen, umso spezifischer kann die Interpretation werden. Bei einem Orchester, wo sie einmal vorbeikommen, da wird das Ergebnis sozusagen pauschaler.

Dann muss ich schneller sein, natürlich. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass ein Trompeter zu einer weichen und etwas unbestimmten Art zu spielen neigt, dann weiß ich, wenn ich einen richtigen Rhythmus brauche und einen fanfarenartigen Klang, wie ich das auch mit meinen Händen zeige. Er braucht also mehr Animation in diese Richtung als jemand anderes, der das von vorneherein klar anpackt. Das muss ich natürlich schon alles in der ersten Probe begreifen und entsprechend bei der Arbeit und auch im Konzert das Dirigieren darauf einstellen. Und ich muss genau da, wo die Schwächen sind, animieren und da, wo die Stärken sind, davon profitieren. Dann kommt noch dazu, dass ich bei zwei Konzerten nie dasselbe mache. Es gibt Spontaneität. Es geschieht immer etwas, was nicht vorgesehen war. Warum? Weil wir in einem anderen Saal spielen oder eben andere Musiker da sind, oder die Akustik ist anders, oder das persönliche Gefühl. Ich bin doch ein Mensch und keine Maschine. Das bedeutet, dass das Orchester immer unter Spannung steht. Sie müssen immer so spielen, als würden sie es zum ersten Mal tun.

Die Möglichkeiten für einen Dirigenten sind enorm, was man machen kann an dem Abend und in dem Moment selbst, auch ohne Vorbereitung, ohne diese Sachen geprobt zu haben. Der Konzertmeister von Israel Philharmonic hat mir mal gesagt: „Ja, Sie sind als Dirigent der mächtigste Mann. Wir hängen an Ihrem kleinen Finger." Wenn man sagt „mächtigster Mann", klingt das natürlich diktatorisch. Aber es geht nicht anders. Am Abend muss der Dirigent alles zeigen und die Leute hinführen: Zusammenspiel, Rhythmus, Phrasierung. Das ist eine enorme, sagen wir statt Macht, Verantwortung. Da kommt wieder der Vergleich mit einem Premierminister, der sehr viel tun kann mit einem Land, wenn er es wirklich versteht, die Menschen zu führen. Natürlich ist mein Job viel leichter, weil das Programm schon anerkannt ist.

Die Agenda steht fest...

Genau, die Partitur - da gibt es keine Diskussion. Die Musiker haben ein unglaubliches Gespür. Die würden spüren, wenn das, was ich mache, willkürlich wäre - dann wären sie desinteressiert. Aber sie spüren auch, wenn ich daran wirklich glaube. Oder wie ein englischer Musiker, der mit allen großen Dirigenten gespielt hat, einmal in einem Interview gesagt hat: Dirigieren ist der Beweis, dass Telepathie existiert. Ohne ein Wort zu sagen, mit einem Blick, mit einem Atem wissen wir miteinander, was passiert.

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