Der ruhelose Pol
Laudatio für Jens Joneleit - Kulturpreis Rodgau 2010
Heiner Goebbels
Wenn man hört, daß Jens Joneleit in Nieder-Roden aufgewachsen ist und jetzt in Nieder-Roden den Rodgau-Kulturpreis bekommt, könnte man mit einer durch nichts gerechtfertigten Überheblichkeit des arroganten Frankfurters versucht sein zu denken ‚Er ist also nicht weit gekommen'....
Aber das absolute Gegenteil ist der Fall: Die künstlerisch wichtigsten Studienzeiten hat er in den USA verbracht, und dort ist es übrigens auch, ich glaube es war auf der 56. Straße zwischen der 6th and 7th Avenue, wo wir uns vor bald zehn Jahren kennengelernt haben. Ganz in der Nähe in der Carnegie Hall. Und dort, in der Carnegie Hall haben wir uns, wenig später, unversehens wiedergetroffen - bei einer Probe mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, zu der ich zu spät kam - plötzlich sah ich Jens war schon da!
So ist es überhaupt manchmal: Jens ist schon da! Kürzlich bezog ich eine kleine Ferienwohnung in Schöneberund Jens war schon da - eine Ecke weiter. Aus den Staaten zurückgekehrt lebt er heute mit seiner Familie in Berlin. Hervorragende Ensembles wie das Ensemble Modern und Spitzenorchester- wie die Staatskapelle Berlin und viele Rundfunkorchester - und berühmte Dirigenten wie Pierre Boulez, Daniel Barenboim u.v.a. führen seine Stücke auf. Warum? Dazu später mehr.
Was einige von Ihnen nicht wissen, weil er es immer sehr genau zu trennen vermag: Jens Joneleit malt auch. Nicht in dem Sinne, wie es Harald Schmidt einmal über Beethoven gesagt hat: „Der war so taub, der dachte die ganze Zeit, er malt!" Nein. trotz einiger ‚musikalischer' Ähnlichkeiten mit Beethoven kann man das über Jens Joneleit nicht sagen. Er malt wirklich, wenn er malt: große beeindruckende Formate - und er komponiert wirklich, wenn er komponiert, große beeindruckende Partituren; beides auf höchstem Niveau. Und natürlich taucht die Frage auf, was unterscheidet diese künstlerischen Tätigkeiten, wie geht das zusammen ? oder was geht da auseinander?
Mehrere künstlerische Begabungen zu haben, ist nicht ungewöhnlich: Auch der Komponist Arnold Schönberg hat gemalt, der Schriftsteller Adalbert Stifter, der Poet Henri Michaux. Und es ist immer dieselbe Antwort, die man bekommt, wenn man die Künstler selbst fragt und ich zitiere hier gerne den amerikanischen Bühnenbildner, Zeichner, Theater-, Opernregisseur und Performer Bob Wilson, der auch noch Filmemacher, Möbeldesigner, Ausstellungsmacher und Architekt ist, und der auf diese Frage einmal mit dem ihm eigenen Understatement geantwortet hat: „It's all part of one concern" / „es ist alles Teil derselben Angelegenheit" (Im Deutschen klingt das nicht so gut).
Dieses „one concern", ist der Künstler selbst, der gar nicht unterscheidet, sondern der alles, was er tut, nach seinen künstlerischen Kriterien tut.
Und bei Joneleit kann man diese Kunst spüren: seine Kraft, sein Gestaltungswillen, das Formbewußtsein, den Rhythmus, den Humor, und das Gespür für Räume, die Balance der eingesetzten Mittel - die man bei ihm hören und sehen kann. Nicht gleichzeitig. Aber in den Kompositionen ist es zu hören, in den Bilden ist es zu sehen. Oder man kann auch sagen: in Beidem ist es zu spüren. Ich sage gerne „spüren", weil seine künstlerischen Arbeiten immer auch eine körperliche, fast skulpturale Dimension haben. Sie sind nie verblasen, abgehoben, ‚ausgedacht', oder spielen sich abstrakt im lufleeren Raum ab - was man von so mancher zeitgenössischen Musik sagen kann - sondern seine Ästhetik ist ge-erdet; mit einer Vorliebe für dunkle Farben, tiefe Register. Kontrafagott, , Bässe und Posaunen, große Trommeln und Pauken, das sind auch die Register „seiner" Instrumente, wie sie einem zum Beispiel in den Orchesterstücken „von anderen Räumen" und „le Tout, le rien" auflauern. Aber er kann auch anders, wie zum Beispiel mit den schroffen, beißend hohen Bläserakkorden in der Komposition „Elan" .
Seine Arbeiten haben ihren jeweils anderen Grund, denn sie sind immer wieder neu, in ihm, in Jens Joneleit. Immer wieder findet er einen neuen Ansatzpunkt für eine neue Bildserie oder eine neue Komposition. Und für beide Künste - das kann ich nach eigener Hör- und Seherfahrung sagen, da ich seit vielen Jahren seine Musik kenne und seit einigen Jahren auch mit einem seiner Bilder lebe - für beide Künste gelten denn auch ähnliche Gesetze:
- zum Beispiel das Gleichgewicht, in das er Schwere und Leichtigkeit zu bringen weiß, d.h. die Balance mit der er zum Beispiel das eindrückliche Statement einer starken Farbe (oder einer kraftvollen Bläserdissonanz) mit dem Humor eines auflockerndem Schriftzugs (oder der perkussiven Verspieltheit auf dem Schlagzeug gegenüberstellt.
- Oder der grundierende Rhythmus (wenn wir miteinander korrespondieren, sagen wir ‚Groove'), der unter den brachiale Klängen seiner Orchesterstücke genauso pulsiert wie unter einer Jazzimprovisation mit ihm selbst am Schlagzeug. Und der sich auch in seinen Bildern wiederfindet im repetitiven Wiederauftauchen von kleinen, leicht sich verändernden Figurationen, Farben und Formen.
In alldem weiß er, so könnte man es auch sagen‚ um die dramaturgische Bedeutung des Kontrapunkts', auch wenn dieser bei Joneleit in Bild und Ton eine stets riskante, freie und verblüffende Übersetzung findet.
Er weiß sehr gut zwischen der Komplexität und Reduktion des Vokabulars zu vermitteln. Zwischen einem panoramatischen Hören, das uns den Raum für Entdeckungen läßt und einem impulsgebendem Ausbruch: Das „haut dann auch schon mal rein" und hält sich nicht mit Unwichtigem auf. Er lotet den Klangraum in die Extreme aus, dehnt und beschleunigt unser Gefühl für die Zeit, hält sie an und läßt sie wieder entfesselt los.
Daß er trotz aller künstlerischen Kontinuität und Entwicklung für jede Arbeit eine neue Fragestellung findet - und ich weiß wie schwierig das ist -, damit beweist er auch etwas Anderes: Obwohl er nämlich in der glücklichen Lage ist, das alles aus sich zu schöpfen, heißt das eben nicht, daß er sich selbst genug ist und sich wiederholen würde: der Eindruck eines in sich ruhenden Poles täuscht; er hat es selbst einmal programmatisch formuliert - für ein Stück zwar, aber man kann es ein bißchen auch für sein Werk nehmen - :..."Die Musik beschreibt nichts, sie existiert, lebt in sich selbst. Es gibt kein Programm, keinen richtigen Anfang, kein richtiges Ende. Der Hörer und die spielenden Musiker treffen einen Wanderer, begleiten ihn auf seiner Wegstrecke, um ihn dann an einem bestimmten Punkt weiterziehen zu lassen. Wichtig allein ist die Erfahrung der beschrittenen Strecke - die Begegnung."
D.h. unter seiner ruhigen Erscheinung brodelt es, er ist ein ruheloser Pol und man unterschätzt ihn gerne. Die Breite und Originalität seiner Arbeiten zeigen: seine Wahrnehmung ist auf Vieles gerichtet. Auf Literatur, bildende Kunst, Theater, Oper und auf das richtige Leben. Und auf Musik natürlich - die von toten und lebendigen Kollegen.
Seine Schule ist ein unglaubliche Hör-schule, der er sich seit seiner Jugend in unzähligen Konzerten, Probebesuchen, mit zahllosen Aufnahmen ausgesetzt und die ihm diese künstlerische und auch technische Kompetenz verschafft hat, über die er heute souverän verfügt. Hier spielt der Free Jazz eine mindestens ebenso wichtige, inspirierende und strukturierende Rolle, und ich habe mich persönlich gefreut, daß er sich nicht zu schade war, kürzlich - als Produzent für eine neue CD-Reihe - jungen Nachwuchsmusikern eine Chance zu geben und ihnen seine Kenntnisse und Möglichkeiten bedingungslos zur Verfügung zu stellen. Der Jazz ist nicht einfach eine biografische Anekdote - dieser Puls reißt nicht ab.
Viele Autoren haben ihn zu Kompositionen inspiriert Andreas Gryphius, Friedrich Hölderlin, Georg Trakl, Alfred Andersch, Thomas Bernhard, Tankred Dorst. Mit vielen anderen hat er zusammengearbeitet. Viele unterschiedliche Textsorten kann er für seine Arbeiten brauchen: ein Gedicht, einen Roman, ein Stück, ein Gespräch. Und er weiß um die Musikalität der Sprache, wie es insbesondere seine „Verve"-Arbeiten mit Original Tonband-dokumenten gezeigt haben.
Und er ist mit einer stets gelassen wirkenden Hartnäckigkeit in der Lage seine Ziele zu verfolgen.
Und, wenn ich Hartnäckigkeit sage, weiß ich wovon ich rede; ich habe die widrigen institutionellen und oft durchaus kunstfeindlichen Schwierigkeiten, unter denen seine Oper, die im Herbst ihre Berliner Uraufführung haben wird, entstanden ist, mitbekommen. Und ich an seiner Stelle hätte schon vor zwei Jahren das Handtuch geschmissen ob der Beliebigkeit des Kulturbetriebs, der für die Komplexität künstlerischer Prozesse kein Verständnis hat.
Aber nein, das Hinschmeißen ist seine Sache nicht. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Optimismus, mit der er immer wieder jede Phase jeder Arbeit mit Zuversicht und Begeisterung angeht, ob das Naivität ist oder Cleverness. Oder ob er es dem Malen verdankt, mit dem er sich immer wieder vor institutionellen Zwängen und Strukturen zurückziehen und auf sich selbst besinnen kann. Jedenfalls weiß er sich auch zurückzunehmen, um ‚on the long run' - als Wanderer - seine künstlerische Sache ins Ziel zu bringen.
Auch das gehört zu seinen Qualitäten, denn es reicht nicht, gute Ideen zu haben. Auch aus diesem Grund ist der künstlerische Output, mit dem er binnen weniger Jahre so unübersehbar und unüberhörbar wurde, verläßlich - trotz der Unberechenbarkeit seiner ästhetischen Entscheidungen. Auch das ist ein Grund, warum er zu recht zahlreich gespielt wird und verlockende Aufträge für seine aufregenden Kompositionen bekommt.
Deswegen sind meine Glückwünsche heute doppelt: sie gelten Ihnen Allen zu diesem Künstler und Jens Joneleit für diesen Preis.
Heiner Goebbels, 21.4.2010
Laudatio für Jens Joneleit - Kulturpreis Rodgau 2010
Heiner Goebbels
Wenn man hört, daß Jens Joneleit in Nieder-Roden aufgewachsen ist und jetzt in Nieder-Roden den Rodgau-Kulturpreis bekommt, könnte man mit einer durch nichts gerechtfertigten Überheblichkeit des arroganten Frankfurters versucht sein zu denken ‚Er ist also nicht weit gekommen'....
Aber das absolute Gegenteil ist der Fall: Die künstlerisch wichtigsten Studienzeiten hat er in den USA verbracht, und dort ist es übrigens auch, ich glaube es war auf der 56. Straße zwischen der 6th and 7th Avenue, wo wir uns vor bald zehn Jahren kennengelernt haben. Ganz in der Nähe in der Carnegie Hall. Und dort, in der Carnegie Hall haben wir uns, wenig später, unversehens wiedergetroffen - bei einer Probe mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, zu der ich zu spät kam - plötzlich sah ich Jens war schon da!
So ist es überhaupt manchmal: Jens ist schon da! Kürzlich bezog ich eine kleine Ferienwohnung in Schöneberund Jens war schon da - eine Ecke weiter. Aus den Staaten zurückgekehrt lebt er heute mit seiner Familie in Berlin. Hervorragende Ensembles wie das Ensemble Modern und Spitzenorchester- wie die Staatskapelle Berlin und viele Rundfunkorchester - und berühmte Dirigenten wie Pierre Boulez, Daniel Barenboim u.v.a. führen seine Stücke auf. Warum? Dazu später mehr.
Was einige von Ihnen nicht wissen, weil er es immer sehr genau zu trennen vermag: Jens Joneleit malt auch. Nicht in dem Sinne, wie es Harald Schmidt einmal über Beethoven gesagt hat: „Der war so taub, der dachte die ganze Zeit, er malt!" Nein. trotz einiger ‚musikalischer' Ähnlichkeiten mit Beethoven kann man das über Jens Joneleit nicht sagen. Er malt wirklich, wenn er malt: große beeindruckende Formate - und er komponiert wirklich, wenn er komponiert, große beeindruckende Partituren; beides auf höchstem Niveau. Und natürlich taucht die Frage auf, was unterscheidet diese künstlerischen Tätigkeiten, wie geht das zusammen ? oder was geht da auseinander?
Mehrere künstlerische Begabungen zu haben, ist nicht ungewöhnlich: Auch der Komponist Arnold Schönberg hat gemalt, der Schriftsteller Adalbert Stifter, der Poet Henri Michaux. Und es ist immer dieselbe Antwort, die man bekommt, wenn man die Künstler selbst fragt und ich zitiere hier gerne den amerikanischen Bühnenbildner, Zeichner, Theater-, Opernregisseur und Performer Bob Wilson, der auch noch Filmemacher, Möbeldesigner, Ausstellungsmacher und Architekt ist, und der auf diese Frage einmal mit dem ihm eigenen Understatement geantwortet hat: „It's all part of one concern" / „es ist alles Teil derselben Angelegenheit" (Im Deutschen klingt das nicht so gut).
Dieses „one concern", ist der Künstler selbst, der gar nicht unterscheidet, sondern der alles, was er tut, nach seinen künstlerischen Kriterien tut.
Und bei Joneleit kann man diese Kunst spüren: seine Kraft, sein Gestaltungswillen, das Formbewußtsein, den Rhythmus, den Humor, und das Gespür für Räume, die Balance der eingesetzten Mittel - die man bei ihm hören und sehen kann. Nicht gleichzeitig. Aber in den Kompositionen ist es zu hören, in den Bilden ist es zu sehen. Oder man kann auch sagen: in Beidem ist es zu spüren. Ich sage gerne „spüren", weil seine künstlerischen Arbeiten immer auch eine körperliche, fast skulpturale Dimension haben. Sie sind nie verblasen, abgehoben, ‚ausgedacht', oder spielen sich abstrakt im lufleeren Raum ab - was man von so mancher zeitgenössischen Musik sagen kann - sondern seine Ästhetik ist ge-erdet; mit einer Vorliebe für dunkle Farben, tiefe Register. Kontrafagott, , Bässe und Posaunen, große Trommeln und Pauken, das sind auch die Register „seiner" Instrumente, wie sie einem zum Beispiel in den Orchesterstücken „von anderen Räumen" und „le Tout, le rien" auflauern. Aber er kann auch anders, wie zum Beispiel mit den schroffen, beißend hohen Bläserakkorden in der Komposition „Elan" .
Seine Arbeiten haben ihren jeweils anderen Grund, denn sie sind immer wieder neu, in ihm, in Jens Joneleit. Immer wieder findet er einen neuen Ansatzpunkt für eine neue Bildserie oder eine neue Komposition. Und für beide Künste - das kann ich nach eigener Hör- und Seherfahrung sagen, da ich seit vielen Jahren seine Musik kenne und seit einigen Jahren auch mit einem seiner Bilder lebe - für beide Künste gelten denn auch ähnliche Gesetze:
- zum Beispiel das Gleichgewicht, in das er Schwere und Leichtigkeit zu bringen weiß, d.h. die Balance mit der er zum Beispiel das eindrückliche Statement einer starken Farbe (oder einer kraftvollen Bläserdissonanz) mit dem Humor eines auflockerndem Schriftzugs (oder der perkussiven Verspieltheit auf dem Schlagzeug gegenüberstellt.
- Oder der grundierende Rhythmus (wenn wir miteinander korrespondieren, sagen wir ‚Groove'), der unter den brachiale Klängen seiner Orchesterstücke genauso pulsiert wie unter einer Jazzimprovisation mit ihm selbst am Schlagzeug. Und der sich auch in seinen Bildern wiederfindet im repetitiven Wiederauftauchen von kleinen, leicht sich verändernden Figurationen, Farben und Formen.
In alldem weiß er, so könnte man es auch sagen‚ um die dramaturgische Bedeutung des Kontrapunkts', auch wenn dieser bei Joneleit in Bild und Ton eine stets riskante, freie und verblüffende Übersetzung findet.
Er weiß sehr gut zwischen der Komplexität und Reduktion des Vokabulars zu vermitteln. Zwischen einem panoramatischen Hören, das uns den Raum für Entdeckungen läßt und einem impulsgebendem Ausbruch: Das „haut dann auch schon mal rein" und hält sich nicht mit Unwichtigem auf. Er lotet den Klangraum in die Extreme aus, dehnt und beschleunigt unser Gefühl für die Zeit, hält sie an und läßt sie wieder entfesselt los.
Daß er trotz aller künstlerischen Kontinuität und Entwicklung für jede Arbeit eine neue Fragestellung findet - und ich weiß wie schwierig das ist -, damit beweist er auch etwas Anderes: Obwohl er nämlich in der glücklichen Lage ist, das alles aus sich zu schöpfen, heißt das eben nicht, daß er sich selbst genug ist und sich wiederholen würde: der Eindruck eines in sich ruhenden Poles täuscht; er hat es selbst einmal programmatisch formuliert - für ein Stück zwar, aber man kann es ein bißchen auch für sein Werk nehmen - :..."Die Musik beschreibt nichts, sie existiert, lebt in sich selbst. Es gibt kein Programm, keinen richtigen Anfang, kein richtiges Ende. Der Hörer und die spielenden Musiker treffen einen Wanderer, begleiten ihn auf seiner Wegstrecke, um ihn dann an einem bestimmten Punkt weiterziehen zu lassen. Wichtig allein ist die Erfahrung der beschrittenen Strecke - die Begegnung."
D.h. unter seiner ruhigen Erscheinung brodelt es, er ist ein ruheloser Pol und man unterschätzt ihn gerne. Die Breite und Originalität seiner Arbeiten zeigen: seine Wahrnehmung ist auf Vieles gerichtet. Auf Literatur, bildende Kunst, Theater, Oper und auf das richtige Leben. Und auf Musik natürlich - die von toten und lebendigen Kollegen.
Seine Schule ist ein unglaubliche Hör-schule, der er sich seit seiner Jugend in unzähligen Konzerten, Probebesuchen, mit zahllosen Aufnahmen ausgesetzt und die ihm diese künstlerische und auch technische Kompetenz verschafft hat, über die er heute souverän verfügt. Hier spielt der Free Jazz eine mindestens ebenso wichtige, inspirierende und strukturierende Rolle, und ich habe mich persönlich gefreut, daß er sich nicht zu schade war, kürzlich - als Produzent für eine neue CD-Reihe - jungen Nachwuchsmusikern eine Chance zu geben und ihnen seine Kenntnisse und Möglichkeiten bedingungslos zur Verfügung zu stellen. Der Jazz ist nicht einfach eine biografische Anekdote - dieser Puls reißt nicht ab.
Viele Autoren haben ihn zu Kompositionen inspiriert Andreas Gryphius, Friedrich Hölderlin, Georg Trakl, Alfred Andersch, Thomas Bernhard, Tankred Dorst. Mit vielen anderen hat er zusammengearbeitet. Viele unterschiedliche Textsorten kann er für seine Arbeiten brauchen: ein Gedicht, einen Roman, ein Stück, ein Gespräch. Und er weiß um die Musikalität der Sprache, wie es insbesondere seine „Verve"-Arbeiten mit Original Tonband-dokumenten gezeigt haben.
Und er ist mit einer stets gelassen wirkenden Hartnäckigkeit in der Lage seine Ziele zu verfolgen.
Und, wenn ich Hartnäckigkeit sage, weiß ich wovon ich rede; ich habe die widrigen institutionellen und oft durchaus kunstfeindlichen Schwierigkeiten, unter denen seine Oper, die im Herbst ihre Berliner Uraufführung haben wird, entstanden ist, mitbekommen. Und ich an seiner Stelle hätte schon vor zwei Jahren das Handtuch geschmissen ob der Beliebigkeit des Kulturbetriebs, der für die Komplexität künstlerischer Prozesse kein Verständnis hat.
Aber nein, das Hinschmeißen ist seine Sache nicht. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Optimismus, mit der er immer wieder jede Phase jeder Arbeit mit Zuversicht und Begeisterung angeht, ob das Naivität ist oder Cleverness. Oder ob er es dem Malen verdankt, mit dem er sich immer wieder vor institutionellen Zwängen und Strukturen zurückziehen und auf sich selbst besinnen kann. Jedenfalls weiß er sich auch zurückzunehmen, um ‚on the long run' - als Wanderer - seine künstlerische Sache ins Ziel zu bringen.
Auch das gehört zu seinen Qualitäten, denn es reicht nicht, gute Ideen zu haben. Auch aus diesem Grund ist der künstlerische Output, mit dem er binnen weniger Jahre so unübersehbar und unüberhörbar wurde, verläßlich - trotz der Unberechenbarkeit seiner ästhetischen Entscheidungen. Auch das ist ein Grund, warum er zu recht zahlreich gespielt wird und verlockende Aufträge für seine aufregenden Kompositionen bekommt.
Deswegen sind meine Glückwünsche heute doppelt: sie gelten Ihnen Allen zu diesem Künstler und Jens Joneleit für diesen Preis.
Heiner Goebbels, 21.4.2010












