Zürcher Ballett
Heinz Spoerli
„Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche." So steht es in Hugo von Hofmannsthals Buch der Freunde.
Der Choreograf Heinz Spoerli hat sich mit der ihm eigenen Perfektion häufig daran gehalten. Die äußere Schicht von Spoerlis Tanzwerken, das ist makellose, fließende Bewegung, durchgestaltete Linie, schlüssige Form, sorgfältig kalkulierte Optik in einer ästhetisch ausgewogenen Einheit mit Bühnenbild und Beleuchtung. Die Grundlage von Spoerlis Werken ist die klassische Danse d'école, die er auf vielfältige Weise einsetzt. In Spoerlis tänzerischen Erfindungen geht es in engem Einverständnis mit der Musik jedoch um nichts Geringeres als um zwischenmenschliche Beziehungen, Sehnsucht und Schmerz, Einsamkeit und Lebensfreude und mitunter auch um komische Abenteuer. Denn Heinz Spoerli besitzt einen ausgeprägten Sinn für Komik und ist ein geübter Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Dabei entsteht ein Menschenbild, das wie Hofmannsthals künstlerische Devise auf das Fließende des menschlichen Daseins verweist: „Nichts umgibt uns als das Schwebende, Vielnamige, Wesenlose, und dahinter liegen die ungeheuren Abgründe des Daseins." Diese Abgründe kleidet Spoerli in seinen Tanzwerken in schwebende, bewegte Formen, verleiht ihnen eine ästhetisch reizvolle Oberfläche, an der der Choreograf beinah diskret und verschwiegen die Tiefe der Empfindung versteckt.
Heinz Spoerli wurde 1940 in Basel geboren. Schon als Jugendlicher entdeckte er seine Liebe zum Theater und zum Tanz. Seine tänzerische Ausbildung absolvierte Spoerli zunächst bei Walter Kleiber in Basel, später in London und New York. Sein erstes Engagement als Tänzer erhielt Spoerli unter Wazlaw Orlikowsky am Stadttheater Basel.
1963-1973 folgten Engagements als Solist in Köln unter Todd Bolender, beim Royal Winnipeg Ballet unter Arnold Spohr, bei den Grands Ballets Canadiens in Montreal, am Theater Basel sowie am Genfer Theater.
Ab 1967 entstanden noch während der aktiven Tänzerlaufbahn Spoerlis erste choreografische Arbeiten. 1967 kamen in Calgary seine ersten Tanzstücke Tanz für Zwei und Temptation heraus. Ein Jahr später folgte in Montreal das Stück Sonata zu Musik von Vivaldi, das in der Presse lobende Erwähnung fand. Der Durchbruch als Choreograf gelang Spoerli 1972 mit Le chemin zu Musik von Eric Gaudibert am Grand Théâtre in Genf, das auch vom Schweizer Fernsehen aufgezeichnet wurde.
1973 engagierte der damalige Basler Intendant Werner Düggelin daraufhin Heinz Spoerli als Chefchoreograf und Ballettdirektor am Basler Theater. In den folgenden siebzehn Jahren schuf Spoerli für das Basler Ballett zahlreiche neue Tanzwerke und baute eine hochstehende klassische Kompanie auf. Zugleich erarbeitete sich Spoerli einen hervorragenden internationalen Ruf als Choreograf von abendfüllenden Handlungsballetten und von stilvollen Neuinterpretationen klassischer Ballette, darunter La fille mal gardée, Giselle, Coppélia, Romeo und Julia, Der Nussknacker, Schwanensee und La Belle Vie. Hinzu kamen zeitgenössische Ballette wie Undine, Törless und Orpheus zur Musik von Hans Werner Henze, sowie eine Vielzahl neoklassischer Werke und pointierter Kurzformen wie Chäs, Miniaturen, Dead End und Loops. Das Handlungsballett bleibt Spoerlis Domäne, doch ihm gelingen auch eindrucksvolle Schöpfungen auf dem Gebiet des abstrakten Balletts.
Seit 1980 ist Spoerli Gastchoreograf unter anderem an der Pariser Oper, der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala, in Berlin, Hongkong, Lissabon, Stockholm, Stuttgart und Graz.
Von 1991-1996 übernahm Spoerli die Position des Ballettdirektors an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Hier entstanden Neuinszenierungen unter anderem von Schwanensee, Dornröschen, Josephslegende sowie das Pontormo-Ballett ... und Farben, die mitten in die Brust leuchten. In dieser Zeit schuf er einige seiner wichtigsten choreografischen Arbeiten, darunter 1993 seine luzide tänzerische Version von Bachs Goldberg Variationen, die noch heute im Repertoire des Zürcher Balletts ist. Spoerlis Goldberg-Variationen zeigen auf bezwingend zeitlose, fast geometrische Art das Leben, wie es vorbei zieht, wie sich Paare finden und wieder auseinander gehen. Dies wurde in den folgenden Jahren zu einer tragfähigen Grundlage für schwerelose, bald abstrakte, bald sparsam narrative choreografische Arbeiten.
Als sich Heinz Spoerli die Möglichkeit bot, 1996 die Leitung des Zürcher Balletts zu übernehmen, griff er zu und formte die Zürcher Kompanie zu einer der führenden Balletttruppen Europas. Als Direktor des Zürcher Balletts wächst Spoerlis Ruf als bedeutender, von wechselnden Moden unabhängiger Choreograf der Gegenwart. In Zürich choreografierte Spoerli zu Musik unter anderem von Bach, Mozart, Brahms, Strawinsky, Ravel, Berio und Schnittke. Er schuf Neufassungen von Ballettklassikern wie Cinderella, Coppélia, Don Quixote und Schwanensee. Zu den bedeutendsten zeitgenössischen Werken seiner Zürcher Ära gehören die Bach-Ballette ... und mied den Wind und In den Winden im Nichts zu Bachs Suiten für Violoncello solo, Approaching Clouds, Allem nah, allem fern zu Gustav Mahlers fünfter Sinfonie, moZART, Les débauches du rêve und Peer Gynt.
Heinz Spoerlis Tätigkeit steht auch außerhalb der Bühne und des Ballettsaals im Dienst der Tanzkunst. Dies fand seinen Niederschlag in der Gründung der Foundation Heinz Spoerli, die einen Beitrag zur Erhaltung der Kunstform des Tanzes und zur Förderung des öffentlichen Interesses am Tanz leisten will und die regelmäßig Preise an herausragende Tänzer und Choreografen verleiht. Dazu zählt auch die Gründung des Zürcher Junior Balletts als internationales Sprungbrett für hochbegabte junge Tänzerinnen und Tänzer. Zudem war Spoerli von 1998 bis 2001 künstlerischer Leiter der Schweizerischen Ballettberufsschule.
Für sein Schaffen wurden Heinz Spoerli zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter 1982 der Hans-Reinhart-Ring, 1991 der Kunstpreis der Stadt Basel, 1995 der Jacob-Burckhardt-Preis und 2007 der Zürcher Kunstpreis. 2009 wurde er mit dem Deutschen Tanzpreis und dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.
Bezeichnend für Heinz Spoerli ist, dass er seine schöpferischen Fähigkeiten immer wieder erneuert hat. Gerade in seinen jüngeren Werken zeigt er sich von einer oft überraschenden, experimentierfreudigen Seite. Man könnte daraus schließen: Je älter Heinz Spoerli wird, desto lockerer und radikaler wird er in seinen tänzerischen Lösungen. Da ist also noch einiges zu erwarten.
(Martina Wohlthat, www.spoerli.ch )
„Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche." So steht es in Hugo von Hofmannsthals Buch der Freunde.
Der Choreograf Heinz Spoerli hat sich mit der ihm eigenen Perfektion häufig daran gehalten. Die äußere Schicht von Spoerlis Tanzwerken, das ist makellose, fließende Bewegung, durchgestaltete Linie, schlüssige Form, sorgfältig kalkulierte Optik in einer ästhetisch ausgewogenen Einheit mit Bühnenbild und Beleuchtung. Die Grundlage von Spoerlis Werken ist die klassische Danse d'école, die er auf vielfältige Weise einsetzt. In Spoerlis tänzerischen Erfindungen geht es in engem Einverständnis mit der Musik jedoch um nichts Geringeres als um zwischenmenschliche Beziehungen, Sehnsucht und Schmerz, Einsamkeit und Lebensfreude und mitunter auch um komische Abenteuer. Denn Heinz Spoerli besitzt einen ausgeprägten Sinn für Komik und ist ein geübter Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Dabei entsteht ein Menschenbild, das wie Hofmannsthals künstlerische Devise auf das Fließende des menschlichen Daseins verweist: „Nichts umgibt uns als das Schwebende, Vielnamige, Wesenlose, und dahinter liegen die ungeheuren Abgründe des Daseins." Diese Abgründe kleidet Spoerli in seinen Tanzwerken in schwebende, bewegte Formen, verleiht ihnen eine ästhetisch reizvolle Oberfläche, an der der Choreograf beinah diskret und verschwiegen die Tiefe der Empfindung versteckt.
Heinz Spoerli wurde 1940 in Basel geboren. Schon als Jugendlicher entdeckte er seine Liebe zum Theater und zum Tanz. Seine tänzerische Ausbildung absolvierte Spoerli zunächst bei Walter Kleiber in Basel, später in London und New York. Sein erstes Engagement als Tänzer erhielt Spoerli unter Wazlaw Orlikowsky am Stadttheater Basel.
1963-1973 folgten Engagements als Solist in Köln unter Todd Bolender, beim Royal Winnipeg Ballet unter Arnold Spohr, bei den Grands Ballets Canadiens in Montreal, am Theater Basel sowie am Genfer Theater.
Ab 1967 entstanden noch während der aktiven Tänzerlaufbahn Spoerlis erste choreografische Arbeiten. 1967 kamen in Calgary seine ersten Tanzstücke Tanz für Zwei und Temptation heraus. Ein Jahr später folgte in Montreal das Stück Sonata zu Musik von Vivaldi, das in der Presse lobende Erwähnung fand. Der Durchbruch als Choreograf gelang Spoerli 1972 mit Le chemin zu Musik von Eric Gaudibert am Grand Théâtre in Genf, das auch vom Schweizer Fernsehen aufgezeichnet wurde.
1973 engagierte der damalige Basler Intendant Werner Düggelin daraufhin Heinz Spoerli als Chefchoreograf und Ballettdirektor am Basler Theater. In den folgenden siebzehn Jahren schuf Spoerli für das Basler Ballett zahlreiche neue Tanzwerke und baute eine hochstehende klassische Kompanie auf. Zugleich erarbeitete sich Spoerli einen hervorragenden internationalen Ruf als Choreograf von abendfüllenden Handlungsballetten und von stilvollen Neuinterpretationen klassischer Ballette, darunter La fille mal gardée, Giselle, Coppélia, Romeo und Julia, Der Nussknacker, Schwanensee und La Belle Vie. Hinzu kamen zeitgenössische Ballette wie Undine, Törless und Orpheus zur Musik von Hans Werner Henze, sowie eine Vielzahl neoklassischer Werke und pointierter Kurzformen wie Chäs, Miniaturen, Dead End und Loops. Das Handlungsballett bleibt Spoerlis Domäne, doch ihm gelingen auch eindrucksvolle Schöpfungen auf dem Gebiet des abstrakten Balletts.
Seit 1980 ist Spoerli Gastchoreograf unter anderem an der Pariser Oper, der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala, in Berlin, Hongkong, Lissabon, Stockholm, Stuttgart und Graz.
Von 1991-1996 übernahm Spoerli die Position des Ballettdirektors an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Hier entstanden Neuinszenierungen unter anderem von Schwanensee, Dornröschen, Josephslegende sowie das Pontormo-Ballett ... und Farben, die mitten in die Brust leuchten. In dieser Zeit schuf er einige seiner wichtigsten choreografischen Arbeiten, darunter 1993 seine luzide tänzerische Version von Bachs Goldberg Variationen, die noch heute im Repertoire des Zürcher Balletts ist. Spoerlis Goldberg-Variationen zeigen auf bezwingend zeitlose, fast geometrische Art das Leben, wie es vorbei zieht, wie sich Paare finden und wieder auseinander gehen. Dies wurde in den folgenden Jahren zu einer tragfähigen Grundlage für schwerelose, bald abstrakte, bald sparsam narrative choreografische Arbeiten.
Als sich Heinz Spoerli die Möglichkeit bot, 1996 die Leitung des Zürcher Balletts zu übernehmen, griff er zu und formte die Zürcher Kompanie zu einer der führenden Balletttruppen Europas. Als Direktor des Zürcher Balletts wächst Spoerlis Ruf als bedeutender, von wechselnden Moden unabhängiger Choreograf der Gegenwart. In Zürich choreografierte Spoerli zu Musik unter anderem von Bach, Mozart, Brahms, Strawinsky, Ravel, Berio und Schnittke. Er schuf Neufassungen von Ballettklassikern wie Cinderella, Coppélia, Don Quixote und Schwanensee. Zu den bedeutendsten zeitgenössischen Werken seiner Zürcher Ära gehören die Bach-Ballette ... und mied den Wind und In den Winden im Nichts zu Bachs Suiten für Violoncello solo, Approaching Clouds, Allem nah, allem fern zu Gustav Mahlers fünfter Sinfonie, moZART, Les débauches du rêve und Peer Gynt.
Heinz Spoerlis Tätigkeit steht auch außerhalb der Bühne und des Ballettsaals im Dienst der Tanzkunst. Dies fand seinen Niederschlag in der Gründung der Foundation Heinz Spoerli, die einen Beitrag zur Erhaltung der Kunstform des Tanzes und zur Förderung des öffentlichen Interesses am Tanz leisten will und die regelmäßig Preise an herausragende Tänzer und Choreografen verleiht. Dazu zählt auch die Gründung des Zürcher Junior Balletts als internationales Sprungbrett für hochbegabte junge Tänzerinnen und Tänzer. Zudem war Spoerli von 1998 bis 2001 künstlerischer Leiter der Schweizerischen Ballettberufsschule.
Für sein Schaffen wurden Heinz Spoerli zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter 1982 der Hans-Reinhart-Ring, 1991 der Kunstpreis der Stadt Basel, 1995 der Jacob-Burckhardt-Preis und 2007 der Zürcher Kunstpreis. 2009 wurde er mit dem Deutschen Tanzpreis und dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.
Bezeichnend für Heinz Spoerli ist, dass er seine schöpferischen Fähigkeiten immer wieder erneuert hat. Gerade in seinen jüngeren Werken zeigt er sich von einer oft überraschenden, experimentierfreudigen Seite. Man könnte daraus schließen: Je älter Heinz Spoerli wird, desto lockerer und radikaler wird er in seinen tänzerischen Lösungen. Da ist also noch einiges zu erwarten.
(Martina Wohlthat, www.spoerli.ch )









































